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Der Untergeher. SZ-Bibliothek Band 5

Autor: Thomas Bernhard
Verlag: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek


Der Untergeher. SZ-Bibliothek Band 5, Autor: Thomas Bernhard von Verlag: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek

Im Handel seit: 03. April 2004
Art: Gebundene Ausgabe
ISBN: 3937793046

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Schöner Spalter.

Eins vorweg: Ich kann es vollkommen verstehen, wenn man Thomas Bernhard nicht mag. Sein Stil ist so singulär und außergewöhnlich, dass er seine Leser einfach zwangsläufig in zwei Lager spalten muss. Mit der Ausgabe aus der "SZ-Bibliothek" hat man nun jedoch die einmalige Möglichkeit, sich für ein paar Euro in die Welt des Österreichers einlesen zu können, um festzustellen, zu welchem Lager man sich fortan zählen kann. Und wer mit Bernhard etwas anfangen kann, dem kann ich einige höchst unterhaltsame Lesestunden garantieren. Ich hatte jedenfalls sehr viel Spaß auf den Busfahrten meiner letzten Woche und musste mich teilweise mit dem Lachen vor den anderen Fahrgästen zurückhalten - obwohl die Thematik des Buches ganz und gar nicht zum Lachen ist: Es geht permanent um Tod, Verderben, Selbstmord, Zugrundegehen, Verzweiflung, Scheitern, Wahnsinn, kurz: um den Untergang. Dies wird aber in einer solchen vollkommen übertriebenen Drastik und Skurrilität formuliert, dass es (für mich jedenfalls!) einfach nur noch komisch ist. Wo in anderen Romanen noch Auswege oder positive Entwicklungen nach Rückschlägen und Fehltritten der Charaktere gesucht werden, ist hier schlichtweg alles vollkommen aussichtslos. Wunderbar! Ich habe schon früher ein paar andere Erzählungen von Bernhard gelesen, aber so genial wie "Der Untergeher" war nichts davon. Zwei Tipps also: 1. einfach mal reinlesen, 2. auf keinen Fall die gute Laune beim Lesen verlieren. Und vielleicht noch ein dritter: Nicht zu viel am Stück lesen, sondern sich die knapp 160 Seiten einteilen, damit die Bernhard-typischen zyklischen Satzstrukturen mit ihren Wiederholungen nie langweilen. .

Meister des Sprachklanges.

Der unerfahrene Bernhard-Leser wird Ihnen über diese Erzählung, die zum Großteil ein einzelner Gedankengang (ein Gedankenmonolg) ist, erzählen, es handele sich um ein unheimlich monoton geschriebenes Buch, dessen Autor sich ständig sowohl sprachlich, als auch inhaltlich wiederhole.
Doch wer Thomas Bernhard als Literaten schätzen gelernt hat, erkennt gerade darin die Kunst des Autors, die wundervolle Sprachmelodie, der fesselnde Duktus des unendbar scheinenden Gedankenspieles. Bernhard schreibt nicht etwa einen dieser grausam aufgesetzten Gedankengänge, die unmenschlich von "a" nach "b" strukturiert sind, er schreibt Gedankengänge so unmißverständlich authentisch, daß sie einem Leser nicht nur vor Augen gehalten, sondern indoktriniert werden können. Im Gasthaus stehend lässt der Erzähler sein Verhältnis zu seinen zwei Studienfreunden, dem Klaviervirtuosen Glenn Gould, und dem Möchtegernvirtuosen Wertheimer Revue passieren. Das Scheitern der beiden begabten Pianisten (dieses Wort hasst Bernhard übrigens/ so wie er vieles seiner Verachtung in dieser Erzählung zum Ausdruck bringt) am unbeschreiblichen Können des Glenn Gould und der Untergang Wertheimers beschäftigt ihn intensivst. Um seine Neugier über das Vermächtnis Wertheimers zu befriedigen, macht der Erzähler sich auf, um dessen Landhaus noch einmal zu besichtigen, nach Unterlagen zu forschen.
Ein Muß für alle, die Bernhard lieben und vor allem für jene, die ihn liebenlernen wollen! .

Untergang der Variation?.

Dieses Buch, soeben zu Ende gelesen, ist sicherlich eines der am schwersten zu bewertenden Bücher, die ich gelesen habe. Was soll man halten von einem Buch ohne Handlung? Auf 150 Seiten passiert annähernd nichts, es bleibt bei einer, wenn auch sehr differenzierten, Analyse eines Selbstmordes. Der Ich-Erzähler setzt sich mit dem Selbstmord seines „Lebensfreundes" Wertheimer auseinander, gleichzeitig findet sich hier eine Untersuchung der „Freundschaft", bzw. Beziehung beider zu dem Klavierspieler Glenn Gould, die sich durch das ganze Buch zieht. Im Prinzip kommt das ganze Buch nicht über diese Handlung hinaus, es bleibt ein Hinterfragen der Selbstmordgründe und eine Reflexion einer Personenkonstellation über einen Zeitraum von 28 Jahren. Dies geschieht allerdings keineswegs chronologisch und aufeinander aufbauend.
Vielmehr schweift der Ich-Erzähler immer wieder mit seinen Gedanken zu ziemlich willkürlichen Begegnungen der Vergangenheit ab, das ganze Buch ist ein einziger „Stream of Consciousness". Sicherlich ist das als Kunstgriff gemeint, kommt aber, gerade weil er als solcher nur allzu deutlich wird, nicht richtig zur Geltung und wirkt dadurch aufgesetzt. Die Erzählung, vom Ich-Erzähler (dessen Name ich nicht nennen könnte) selbst als „essayistisch" bezeichnet, kehrt wohl auch gerade aufgrund des Charakters ungeordneter Gedanken, mehr als einmal zu diversen Einsichten zurück. Sätze wie „Und in dem Moment, als er Glenn Gould die Goldbergvariationen spielen hörte, war Wertheimer tödlich getroffen." kehren vor allem auf den ersten hundert Seiten wieder und wieder zurück, teils sogar im Wortlaut fast identisch, teils in leicht abgewandelter Form. Der Grundtenor dieser Aussagen bleibt dabei schlechterdings wirklich immer gleich, was, zumindest angesichts der Quantität solcher Ausführungen, eine ziemlich enervierende Wirkung auf den Leser hat. Zudem wirkt sich die Tatsache, dass Glenn Goulds Genie Gegenstand einer solchen immer wiederkehrenden Gedankenkette ist, sehr negativ aus: Gould wird vom Ich-Erzähler in nahezu abstoßender Weise ständig als unnahbares Genie am Klavier verklärt, was durch diverse Relativierungsversuche in der Darstellung des Privatlebens des Menschen Glenn Gould keineswegs einen Ausgleich findet.
Wo die Handlung konkreter wird, etwa bei den einzigen beiden wirklichen Unterhaltungen des gesamten Buches zum einen mit der Wirtin und zum anderen mit einem Angestellten Wertheimers (nach dessen Selbstmord), ist das Buch durchaus kurzweilig und interessant. An den auf Wiederholung ausgelegten Stellen muss man sich allerdings doch fast schon zum Weiterlesen zwingen.
Die Motivation stört dabei aber nicht nur der monotone Inhalt einzelner Textpassagen, sondern vielmehr Bernhards anstrengender Stil an sich. Das ganze Buch als einen gigantischen Absatz anzulegen mag eine stilistisch reizvolle Spielerei sein, ermöglicht aber fast zu keiner Zeit, den Roman nach einer Sinneinheit aus der Hand zu legen, da sich daran sofort neue Gedanken unabgetrennt anschließen. Ein erneuter Einstieg an solchen Stellen wird dadurch ungemein erschwert. Darüber hinaus macht es Bernhard offensichtlich Spaß, hinter möglichst viele Sätze ein abschließendes „,dachte ich" oder „, sagte er, dachte ich" zu setzen. Diese wieder eindeutig als bewusste künstlerische Finesse gemeinte Stileigenschaft wirkt zwar stellenweise tatsächlich gekonnt. Allerdings erschlägt die schiere Häufigkeit solcher Kunstgriffe (stets mehrere Male pro Seite) den Leser auf Dauer.
Ein weiterer störender Aspekt ist der zu häufige Gebrauch kursiver Ausdrücke, die, ebenso wie die Satzanhängsel, den faden Beigeschmack einer Pseudokünstlerhaftigkeit nicht verlieren.
Nichtsdestotrotz weist das Buch auch viele gerade sprachlich gelungene Passagen auf, die die Nervigkeit der ständigen Wiederholungen etwas aufzuwiegen vermögen.
Auch wenn Bernhards Schreibstil also oft fragwürdig erscheint, kann man nicht leugnen, dass er oft recht komplexe Gedankengänge entwickelt. Viele Gedankenspielereien sprechen den Leser an und laden außerdem zum Weiterdenken ein. Thema sind hierbei vor allem Aspekte des Menschseins schlechthin und des Typus Mensch, zu dem Wertheimer, der „Untergeher" im Besonderen gehört. Solche Betrachtungen gehen dennoch nur allzu oft unter in der Handlungs- und Variationsarmut des gesamten Romans, der ein Nochmallesen einzelner Passagen oft recht ausladend erscheinen lässt.
Ungeachtet solcher Schwächen ist „Der Untergeher" jedoch ein Buch, das zu lesen sich lohnt. Gerade aufgrund seiner Kürze sind die äußeren Mankos des Werkes nämlich erträglich, so dass nur die einzelnen tiefgehenden und durchaus starken Gedankengänge eines geistreichen Schriftstellers zurückbleiben. .

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